Warten und Innehalten im Advent

Warte mal

Warten - Junge sitzt am Fenster und schaut auf verschneite Winterlandschaft
Der Advent ist eine Zeit des Wartens. Christen warten auf die Ankunft des Heilands, Kinder warten aufs Christkind. Warten fällt nicht immer leicht, manchmal ist es quälend, und oft empfinden wir es als Zeitverschwendung. Dabei hat Wartenkönnen auch gute Seiten.

 

Ein Mönch wurde von einem Städter gefragt, welche geistlichen Übungen er pflege. Er antwortete: „Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich.“ Darauf der Fragende: „Das ist doch nichts Besonderes, das tun doch alle!“ Da meinte der Mönch: „Nein. Wenn du sitzt, dann stehst du schon. Und wenn du stehst, dann bist du schon auf dem Weg.“

Warten ist – außer jetzt in der Vorweihnachtszeit – kein attraktives Wort. Wir setzen es gleich mit Zeitverschwendung. „Kannst du mal auf mich warten?“ steht für: „Opfere einen Teil deines Lebens für mich.“ Dabei schrieb schon die Malerin Paula Modersohn-Becker in einem Brief an ihre Schwester im November 19o6: „Man muss nur warten können, das Glück kommt schon.“

Wartenkönnen ist eine wahre Lebenskunst.

Haben wir verlernt zu warten? Der Philosoph Alois Halder hält das Wartenkönnen, letztlich die Geduld, für eng verbunden mit anderen Lebenskünsten wie Hoffnung, Vertrauen, Gelassenheit und Weisheit. Auch diese seien gekennzeichnet durch das Verhältnis zur Zeit: „Wenn es stimmt, dass wir das Warten verlernt haben, dann bedeutet dies, dass wir kein gutes Verhältnis zur Zeit haben, weder zur jeweiligen Zeit mit ihren vielen, aber immer begrenzt vielen Augenblicken, noch zu ihrer älteren Schwester, der Ewigkeit und ihrem einzigen Augenblick.“

 

Warten - Vater und Sohn spazieren durch eine Schneelandschaft

Beim nicht enden wollenden Spaziergang vor der Bescherung wird das Warten zu einer kleinen Ewigkeit.

 

Linda Lehrhaupt leitet das Institut für Achtsamkeit in Bedburg, eine Art Schule der Entschleunigung und des Wartens. Sie sagt: „Wenn sich die Gedanken nur noch in der Zukunft oder der Vergangenheit befinden, ist es uns nicht mehr möglich, präsent zu sein. Weder bei kleinen noch bei großen Ereignissen. Das Leben rauscht förmlich an uns vorbei, ohne geliebt zu werden.“

Häufig kämen Menschen zu ihr, die erkannt haben, dass es so nicht weitergeht. Die wissen, dass sie warten, neu anfangen und die Richtung ändern müssen. „Warten“, ist sie überzeugt, „hat mir den Mut verliehen, nicht vor meinem Leben davonzurennen, sondern es zu leben. Mit so viel Geduld, Integrität und Klarheit wie möglich.“

Früher hatten die Menschen gar keine andere Wahl, weil in agrarischen Gesellschaften das Warten, Innehalten, das Entschleunigen keine Kunst war, sondern ein Überlebensprogramm. Man musste auf den rechten Zeitpunkt warten, ihn erkennen und fassen: zum Säen und Ernten, zum Kochen und Essen, zum Arbeiten und Feiern. Die Abhängigkeit vom langsamen Rhythmus der Natur prägte den Charakter des Lebens und des Miteinanders. Man änderte, was veränderbar war, und nahm hin, was nicht geändert werden konnte.

Im Jetzt und Heute Innehalten, wenn die Welt immer schneller wird -
Achtsamkeit und Entschleunigung liegen im Trend.

„Heute“, sagt der Philosoph Alois Halder, „hat Warten mit Erwarten zu tun. Mit dem Streben nach Gewissheit, Planbarkeit und Kontrolle.“ Weil aber dieses Drängen auf die raschen Erfolge letztlich viel anstrengender ist als zu warten, wurde Entschleunigung in den letzten Jahren im gleichen Maße zum Trend, wie die Welt immer schneller wurde.

Der Kirchenlehrer und Mystiker Franz von Sales erkannte schon vor vierhundert Jahren: „Meine Vergangenheit kümmert mich nicht mehr, sie gehört dem göttlichen Erbarmen. Meine Zukunft kümmert mich noch nicht, sie gehört der göttlichen Vorsehung. Was mich kümmert und fordert, ist das Heute. Das aber gehört der Gnade Gottes und der Hingabe meines guten Willens.“


„Manche Menschen tun nichts -

aber sie tun es auf faszinierende Weise“

Curzio Malaparte, italienischer Schrifsteller

 


 

Paolo Scavino ist Winzer im Piemont. In diesen ruhigen Wochen des Jahres sitzt er im Innenhof seines Gutes auf einem Weinfass. „Ich warte gerne“, sagt er, „weil mein Produkt während des Wartens immer besser wird.“ Er ist ohnehin davon überzeugt, dass Dinge, die überhastet entstehen oder erledigt werden, von minderer Qualität sind. Ein guter Wein brauche Zeit, genauso die Zubereitung eines feinen Essens.

„Ein Menü kann nicht in der Mikrowelle produziert werden und ein schönes Gemälde kann nicht mit ein paar Pinselstrichen in wenigen Minuten geschaffen werden“, ist Scavino überzeugt. „Warten ist für mich bewusste Beschäftigung und Entspannung gleichermaßen.“

Gute Dinge brauchen Zeit. Und Geduld.

Wissenschaftler haben längst erwiesen, dass gerade bei Entspannung im Gehirn jede Menge kreativer Ideen entstehen. Allerdings haben viele Menschen verlernt, diese Entspannung auch zuzulassen – obwohl wir spüren, dass es uns gut tun würde, einfach nichts zu tun. Nichts Nutzloses, nichts Sinnvolles, einfach nichts. Der Langeweile frönen. Ohne Plan warten.

„Manche Menschen tun nichts – aber sie tun es auf eine faszinierende Weise“, sagte der italienische Schriftsteller Curzio Malaparte. Und meint damit das Dolcefarniente, das „süße Nichtstun“.

Schaffen Sie es, einen Augenblick zu warten? Jetzt gleich und hier, am Ende dieses Absatzes? Auch wenn wir Sie damit locken, dass der Text danach mit einem bemerkenswerten Zitat über das Warten endet? Warten Sie zehn Minuten, legen Sie Ihr Smartphone aus der Hand, lehnen Sie sich vom Bildschirm zurück, tun Sie nichts. Warten Sie darauf, dass Sie im Warten einen Sinn sehen. Jetzt.

Haben Sie es geschafft? Der deutsche Ingenieur und Dichter Erhard Horst Bellermann hat einmal gesagt: „Das Warten ist ein Einblick in die Ewigkeit.“

STILLE NACHT, HEILIGE NACHT  Am Heiligen Abend 1818 schufen ein Pfarrer und ein Musiklehrer das berühmteste Weihnachtslied der Welt. Besuch in Oberndorf im Salzburger Land, wo „Stille Nacht“ erstmals erklang.

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