Fronleichnam in Sipplingen

Ein Blumenteppich zur Ehre Gottes

Fronleichnamsprozession mit Pfarrer, Ministranten, Musikkapelle und Volk
In Sipplingen am Bodensee ist am Fronleichnamstag schon in aller Herrgottsfrüh das ganze Dorf auf den Beinen. Für die Prozession legen die Sipplinger einen der längsten und schönsten Blumenteppiche weit und breit.

 

Die Straßenlaternen werfen ein fahles Licht in die Morgendämmerung von Sipplingen am Bodensee. Es ist halb fünf Uhr in der Früh. Unten im Dorf sind gedämpfte Stimmen und schleifende Geräusche zu hören. Sie kommen von Zinkwannen und Körben, die über das Pflaster gezogen werden. Laut und fröhlich pfeifen die Vögel auf die frühe Arbeit der Dorfbewohner.

Heute ist Fronleichnam, und die Sipplinger werden einen 600 Meter langen Blumenteppich durch ihr Dorf legen. Der Teppich wird den Prozessionsweg zu den vier Stationsaltären schmücken. Das ist seit den 1930er Jahren Tradition in Sipplingen.

Im Morgengrauen bereiten mehrere Menschen den Blumenteppich auf der Straße vor

In aller Herrgottsfrüh - es ist noch nicht mal richtig hell - beginnen in Sipplingen die Vorbereitungen für den Fronleichnams­tag.

 
Auch im „Torkelhaus“ in der Straße Am Brunnenberg sind die Pensionswirtin Amalie Beirer-Maier (87) und ihre Nichte Christa Beirer (59) längst auf den Beinen. Kaffeeduft hat auch ihre Gäste aus Sulzbach aus den Betten gelockt, die – wie jedes Jahr – beim Blumenlegen mithelfen wollen und noch Freunde als Helfer mitgebracht haben.

Wortlos packen alle an und tragen Eimer, Körbe und Kisten voller Blumen, Blüten und Grünzeug aus dem kühlen Weinkeller nach oben an die Straße. Große Holzrahmen und Eisenringe liegen dort schon bereit. Mit diesen Schablonen werden später die Muster und Ornamente des Blumenteppichs gelegt. Alles ist bestens vorbereitet, und Christa Beirers letzte Zweifel sind beseitigt: Werden die Blüten auch reichen? Gibt es genug Farben für die geplanten Motive?

Ein jeder packt mit an, damit rechtzeitig zur Prozession alles fertig wird.

Denn wenn das Fronleichnamsfest – wie 2016 am 26. Mai – sehr früh im Jahr ist, sind viele Blumen noch gar nicht aufgeblüht. Dann heißt es: Improvisieren. Christa Beirer hat Erfahrung damit und einige bewährte Tricks noch obendrein.

Die roten Pfingstrosen hat sie über Nacht im warmen Wasser zur vollen Blütenfülle getrieben. Der Goldregen dagegen mag es lieber frostig und bleibt in der Gefriertruhe, bis sein schönes leuchtendes Gelb für den Blumenteppich gebraucht wird. „Goldregen ist die einzige Blüte, die den Frost übersteht und beim Auftauen nicht matschig wird“, verrät Christa Beirer.

Körbe mit Blumen und Schablonen für die Blumenteppiche
Zahlreiche Blütenblätter, Schablonen und Messwerkzeug - alles ist schon hergerichtet.

Viele Menschen helfen beim Schmücken des Blumenteppichs
Jeder weiß, was zu tun ist. An Fronleichnam sind alle Sipplinger ein eingespieltes Team.

Zwei Kinder und ein Erwachsener legen mithilfe von Schablonen bunte Blumen auf einen Grasteppich
Jedes Blütenmotiv soll so akkurat wie möglich aussehen - dabei helfen Schablonen.

Vom Balkon aus überwacht Pensionswirtin Amalie das Geschehen vor ihrem Haus. Dann kommt auch sie herunter an die Straße, gibt hier und dort Anweisungen oder trennt mit der Schere festsitzende Blütenblätter von ihren Stängeln. Jede Hand wird gebraucht, um das blühende Kunstwerk rechtzeitig zur Prozession gegen 10 Uhr fertigzustellen.

Vor den vier Stationsaltären sind derweil schon besonders prachtvolle Motive zu bewundern. Eine Kreuzigungsszene zum Beispiel oder ein Blütenteppich mit Ornamenten in Weiß, Gelb, Lila. Die großen Teppich-Motive sind schon am Vortag ganz im Geheimen in Schuppen und Garagen gestaltet worden. Keiner weiß vom Bild der anderen.

Familie Beirer sind geübte Blumenleger und wissen genau, welche Blüten sich eignen.

Auch Gerold Beirer (70) und Adrian Staiger (56) haben in Staigers Autogarage dafür gesorgt, dass niemand ihre Kreuzigungsszene vorzeitig zu Gesicht bekommt. Am Vormittag vor Fronleichnam haben sie in aller Ruhe an dem Altarteppich gearbeitet. 

Die Konturen hat das seit vielen Jahren eingespielte Team mit Torf ausgelegt. Dann fügten die vier Männerhände ganz behutsam Blättchen an Blättchen und Blüte an Blüte. Mit Leinsamen schufen sie lebendig wirkende Hauttöne. Der Gekreuzigte trägt einen Lendenschutz aus den weißen Blättchen der Margeritenblüten, der trauernde Johannes ein Gewand aus blaurotem Flieder, Marias Haare wurden mit Tamarisken rosabräunlich „eingefärbt“. Die Blüten des weißen Schneeballs umrahmen ein Kreuz aus braunem Sauerampfer.

Mehrere Menschen arbeiten an einem großen Blumenteppich, der die Kreuzigung Jesu abbildet.

Eine starke Verbindung: Der schmale Blumenteppich zieht sich durch das ganze Dorf von Station zu Station und von Haus zu Haus.

Nach etwa vier Stunden war die „Kreuzigung“ weitgehend fertig. Heute Morgen haben Beirer und Staiger den Blumenteppich ganz vorsichtig vor ihrem Stationsaltar abgelegt. Dort bekommt ihr Kunstwerk noch einen üppigen Blumenrahmen und wird an den Teppich der Nachbarn angeschlossen.

Gerold Beirers Familie gehört seit 85 Jahren zu den aktiven Blumenlegern. In den 1930er Jahren hatte Pfarrer Nepomuk Schatz, der von Hüfingen nach Sipplingen gekommen war, den Brauch aus dem Schwarzwald mitgebracht und die Menschen in Sipplingen dafür begeistert.

Fronleichnam ist das schönste Fest in Sipplingen – da ist der Zusammenhalt im Dorf Ehrensache.

Gerold Beirer ist seit über 40 Jahren dabei und hat zu Fronleichnam noch nie gefehlt. „Ich habe das Blumenlegen sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen“, sagte er, und: „Fronleichnam ist für mich das schönste Fest hier in Sipplingen.“

Jeder Sipplinger Hausbesitzer ist an Fronleichnam für den Bereich zuständig, der vor seinem eigenen Haus verläuft. Entlang dem alten Fachwerkhaus der Pension Torkelhaus ist der 15 Meter lange Läufer mit Ornamenten in Gelb, Weiß, Rot auf grünem Untergrund schon fast fertig. Die Nachbarn rechts und links haben ihren Teppich nahtlos angesetzt. Es wird nicht viel geredet, jeder weiß, was zu tun ist, so wie jedes Jahr.

Frauen belegen einen Blumenteppich mit Herzen
Die Blumenteppiche zeigen religiöse Motive – hier legen die Dorfbewohner einen Teppich zu den biblischen Werken der Barmherzigkeit.

Zwei Männer prüfen mit letzten Handgriffen den Blumenteppich
Da ist ein Könner am Werk: Für die letzten Handgriffe an seinem Kreuzigungsaltar braucht Gerold Beirer Fingerspitzengefühl.

Bluementeppich mit einer mit Blumen verzierten Treppe vor einem Hauseingang
Die Sipplinger legen großen Wert auf Details. Sogar die Treppenaufgänge sind liebevoll mit Blumen geschmückt.

Männer und Frauen, Junge und Alte, arbeiten Hand in Hand mit Kindern wie Jörg (5), Eva (4) und Sophia (6). Heinrich Widenhorn (78) erzählt stolz vom Einsatz seiner Familie: „Mindestens 20 bis 30 Widenhorns sind heute dabei.“

In der Klosterstraße regnet es Fliederblüten und Rosenblätter. Um die Ecke entsteht ein weißer Fisch mit gelben Tupfen aus Margeritenköpfen, dort sind Bordüren in Gelb-Weiß aus Flieder und Goldregen zu bewundern.

Die zu schmückenden Straßenstücke sind begehrt - Ein gutes Zeichen für die Zukunft der Tradition.

Aber nicht nur für die Sipplinger Anwohner ist das Blumenlegen Ehrensache. Es gibt auch Engagierte von auswärts, die ein Straßenstück übernehmen, zum Beispiel, wenn die „Alten“ nicht mehr mitarbeiten können oder Häuser verkauft werden und die neuen Besitzer keinen Bezug zur dörflichen Tradition haben.

Zu den Auswärtigen gehören Heidi und Peter Braun, beide 61. Sie sind schon Tage vor dem Fest aus Villingen-Schwenningen angereist, um „ihren“ Bereich in der Klosterstraße zu schmücken. Das ist dort, wo Heidi vor 25 Jahren gewohnt hat. Auch Cornelia Köberlein kommt von auswärts, aus Owingen. Jedes Jahr ist sie mit Mann und Sohn beim Blumenlegen in der Straße Am Brunnenberg dabei.

Sobald Pfarrer Joha ein verwaistes Straßenstück im Pfarrblatt ausschreibt, finden sich schnell Freiwillige, die die Tradition lebendig halten wollen. „Wenn wir die Werte der Vergangenheit nicht weitergeben, haben wir keine Zukunft“, sagt Amelie Beirer-Maier, die 87-jährige Pensionswirtin dazu.

Eine ältere Dame schneidet die Blumen zurecht.

Die 87-jährige Pensionswirtin Amalie Beirer-Meier ist froh, dass auch die jungen Leut' dabei sind und den schönen Brauch weiterführen.

Um 5.32 Uhr ist die Sonne über Sipplingen aufgegangen und scheint jetzt – gegen 7 Uhr – auf den fast fertigen Blumenteppich. Der zieht von der katholischen Pfarrkirche St. Martin über den Kirchweg und die Rathausstraße, Am Brunnenberg entlang, durch die Klosterstraße und über den Lenzensteig hinunter zum Rathaus.

Wer jetzt noch schläft in Sipplingen, wird von kräftigen Böllerschüssen vom Berg gegenüber oder den Wirbelschlägen von fünf Trommlern geweckt, die von Haus zu Haus ziehen und hier und dort für ihre Weckdienste mit einem Stamperl Schnaps belohnt werden.

Der Aufmarsch der Bürgermiliz gehört zu Fronleichnam in Sipplingen schon immer dazu.

Böllerschützen und Trommler gehören zur Sipplinger Bürgermiliz, einem Verein, dessen Tradition auf das Jahr 1849 zurückgeht, als es rund um den Bodensee noch so manchen Strauß auszufechten gab.

Heute umrahmen die Vereinsmitglieder in ihren schmucken Uniformen – blaue Röcke zu schwarzen Hosen und Pickelhelme mit weißem oder rotem Helmbusch aus Rosshaar –  die Feste in Sipplingen. „Fronleichnam in Sipplingen ist ohne die Begleitung der Bürgermiliz überhaupt nicht denkbar“, erzählt Gerold Beirer, der Blumenkünstler vom Kreuzigungsbild.

Priester, Ministranten und Volk versammeln sich um den Blumenteppich
Die Prozession zieht von Station zu Station - dort versammelt sich die ganze Gemeinde um die prachtvollen Blumenteppiche.

Musikkapelle läuft rechts und links des Blumenteppichs
Traditionell wird die Prozession von der Bürgermiliz angeführt. Sie gibt mit ihren Trommeln den Takt vor.

Priester liest aus einem roten Buch
Andacht und Gebet gehören an jeder Station dazu.

Inzwischen haben sich die Bürgersoldaten auf dem Rathausplatz formiert. Von dort geht es mit wehender Fahne zur Ehrenwache in die Pfarrkirche St. Martin zum Festgottesdienst. Danach zieht die Prozession dann durch das geschmückte Dorf.

Alle Sipplinger Vereine sind mit ihren Fahnen dabei. Pfarrer Joha im goldenen Ornat trägt unter dem goldenen „Himmel“ die Monstranz zu den vier Stationsaltären – immer entlang dem Blumenteppich, der nur betreten wird, wenn es gar nicht anders geht. Und dann ganz vorsichtig, damit die Pracht erhalten bleibt.

Nur bis 16 Uhr können die floralen Kunstwerke bewundert werden.

Der Teppich soll auch nachmittags noch schmuck aussehen – für die Einheimischen und die vielen Besucher, die mit ihren Kameras und Handys die schönsten Werke fotografieren. Denn um 16 Uhr ist es wieder mal vorbei mit der floralen Kunst. Dann werden die Teppiche im großen Kehrwagen der Straßenreinigung verschwinden.

Bis zum nächsten Jahr, wenn die Sipplinger einen neuen Blumenteppich legen – so wie es bei ihnen schon immer der Brauch ist.

Steg im Bodensee mit Stadt im Hintergrund

Sipplingen liegt am baden-württembergischen Ufer des Bodensees.

Mehr zu Sipplingen:
Tourist-Information  •  Seestr. 3  •  78354 Sipplingen  •  Telefon +49 7551 9499370 •  www.sipplingen.de

Hüfingen ist die Mutter aller Blumenteppiche

In Deutschland werden zu Fronleichnam an vielen Orten Blumenteppiche gelegt. Der bekannteste Teppich ist in Hüfingen im Schwarzwald zu bewundern. Von dort hat sich der Brauch des Blumenlegens auch verbreitet.

Ein Hüfinger Bildhauer – Franz Xaver Reich – hatte die Idee aus Italien mitgebracht, wo er Prozessionswege mit farbenprächtigen Blumenteppichen gesehen hatte. Zurück in der Heimat legte er 1842 vor seinem Haus den ersten Blumenteppich. Später begeisterte er auch seine Nachbarn fürs Blumenlegen zum Fronleichnamsfest. Nach und nach bis heute wird der ganze Prozessionsweg über 600 Metern in einer Breite von 1,80 Metern belegt.

Mehr zu Hüfingen:
Informations- und Kulturamt  •  Hauptstrasse 16/18  •  78183 Hüfingen  •  Telefon 0771-6009-24  •  www.huefingen.de

Was ist Fronleichnam?

Das katholische Hochfest Fronleichnam wird immer am zweiten Donnerstag nach Pfingsten gefeiert. Der Name entstand vor etwa 750 Jahren und bedeutet „Leib des Herrn“. Er leitet sich vom Mittelhochdeutschen vrône lîcham für „des Herren Leib“ ab.

Im Mittelpunkt des Festes steht die Eucharistie. Nach katholischem Glauben ist damit die Umwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi gemeint. Katholiken feiern, dass der Leib Christi in der Hostie lebendig ist.

Seit dem 13. Jahrhundert ist dieser Tag fester Bestandteil des Kirchenkalenders. Fronleichnam 2017 ist am Donnerstag, 15. Juni.

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Text: Marilis Kurz-Lunkenbein • Fotos: Bethel Fath

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