Hundstoa-Ranggeln

Eine rechte Rauferei

Hundstoa-Ranggeln – Zwei Männer ranggeln miteinander
Jedes Jahr nach Jakobi treffen sich auf dem Hundstein im Pinzgau die stärksten Männer der ganzen Gegend, um beim Hundstoa-Ranggeln ihre Kräfte zu messen. So wie früher, als auf den Bergen die Senner um ihre Almgrenzen rauften.

 

Morgens um halb sieben, wenn das Steinerne Meer, dieser mächtige Gebirgszug hinter Maria Alm, die ersten Strahlen der Morgensonne reflektiert und das Salzburger Land erwacht, beginnt der Fußmarsch nach oben.

Von allen Seiten steigen sie dann hinauf, um rechtzeitig um zehn Uhr den Gipfel des Hundsteins zu erreichen, den höchsten Grasgipfel im Pinzgau, der so abgelegen ist, dass kein Weg hinauf weniger als drei Stunden dauert. Außer man fährt mit der Seilbahn oder dem Auto nach oben, was auch geht, aber nicht zum Brauchtum passt.

Heute gehört das Hundstoa-Ranggeln zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Es ist der Sonntag nach Jakobi und an diesem Tag findet hier auf 2117 Meter Höhe die älteste Sportveranstaltung im ganzen Salzburger Land statt: das Hundstoa-Ranggeln, das 2010 ins nationale Verzeichnis des UNESCO-Weltkulturerbes Österreichs aufgenommen wurde.

Seit mindestens 500 Jahren gibt es dieses Kräftemessen. Im Jahr 1518 wurde es zum ersten Mal urkundlich in einer Erlaubnis des Erzbischofs erwähnt. Damals ging es unter den Sennern der Gegend darum, ihre Almgrenzen fürs nächste Jahr zu verteidigen. Der Sieger durfte sich die ergiebigsten Weidegründe für sein Vieh aussuchen.

Hundstoa-Ranggeln – Bergpanorama im Pongau mit Wanderern

Der Aufstieg bis zur Naturarena am Gipfel des Hundsteins dauert etwa 3 Stunden.

 
Um zehn ist oben auf dem Hundstein unterhalb des Statzerhauses eine Bergmesse, und der Pfarrer erinnert in seiner Predigt daran, fair zu sein, Sportsgeist walten zu lassen und dem Herrn dafür zu danken, dass man ranggeln darf.

Die Ranggler horchen andächtig zu, und so mancher lockert während des Vaterunsers bereits seine Schultern. Verspannte Schultern sind beim Ranggeln eine Katastrophe, wie überhaupt nur einer in den Ring steigen sollte, der keine Gebrechen hat. Denn die Gegner sind stark und wittern jede Schwachstelle beim anderen als Chance.

Wer es schafft, seine Gegner auf den Rücken zu zwingen, wird Hagmoar.

Ranggler sind sogenannte Hosenrecker, deren Ziel es ist, möglichst viele Gegner am Boden auf den Rücken zu zwingen. Für den Laien sieht die „Rangelei“ ein bisschen aus wie eine Mischung aus Judo und Ringen.

Wer es schafft, die Schulterblätter aller anderen ins Gras zu drücken, ist am Ende des Tages der Hagmoar. Das Wort setzt sich zusammen aus „Hag“, was soviel wie „eingehegte Siedlung jenseits der Almgrenze“ bedeutet, und Moar, was mit „Meister“ übersetzt werden kann. Also ist ein Hagmoar ein Anführer, der über sein eigenes Land hinaus von Bedeutung ist.

Hundstoa-Ranggeln – Vor dem Ranggeln findet ein Gottesdienst statt

Im Gottesdienst erinnert der Pfarrer alle Teilnehmer daran, fair zu sein und Sportsgeist walten zu lassen.

Pfarrer Klaus Laireiter aus Eben packt nach dem Gottesdienst seinen Altar zusammen. „Das Ranggeln“, sagt er, „ist eine ernste sportliche Herausforderung, bei der es nicht nur auf Geschick und eine gute Taktik ankommt, sondern auch auf Menschenkenntnis und die Kunst, seine Kraft richtig einteilen zu können.“

Er muss es wissen, denn er ist der erste Pfarrer, der es in der langen Geschichte des Ranggelns geschafft hat, zuerst die Messe zu lesen und anschließend Hagmoar zu werden.

Sogar ein Pfarrer ranggelte schon mal mit – und gewann.

Das war im Jahr 1978 und er war gerade zum Priester im Orden der Steyler Missionare geweiht worden. Trotzdem ließ er es sich aber nicht nehmen zu ranggeln, nachdem er 11 Jahre zuvor schon Jugendmeister und später fünf Jahre lang niederösterreichischer Landesmeister im Judo geworden war.

„Da gab es für mich gar keine Diskussion“, erzählt er, „ ich habe einfach das Messgewand abgelegt und bin in die Ranggler-Kleidung geschlüpft, die Pfoad.“ Diese ist weiß und wird aus festem Leinen genäht, so dass sie nicht reißt, wenn der Gegner daran zerrt. Um den Bauch ist ein lederner Gürtel geschnürt.

VIERBERGELAUF – Es ist die wohl härteste Wallfahrt im Alpenland: der Vierbergelauf in Kärnten. 52 Kilometer auf und ab, ein Fußmarsch von Mitternacht fast bis zum Abend, bei Wind und Wetter. So plagen sich die Pilger seit Jahrhunderten.

„Das Faszinierende am Kampfsport ist für mich, dass der Mensch in seinem Leben immer nach Auseinandersetzungen sucht“, so der Geistliche. „Ich persönlich brauche die körperliche Herausforderung. Man darf Gegner sein, aber nicht Feind. Das sage ich auch in all meinen Predigten.“

Unter den Hundstoa-Rangglern ist der Pfarrer eine Legende. Einer aus Taxenbach, der 1978 gegen ihn verloren hat, sagte hinterher zu seiner Mutter: „Stell dir vor, jetzt hat mich ein Pfarrer aufs Kreuz gelegt.“ 

Nach der Messe ranggelt die Jugend, danach geht es um den Titel des Hagmoars.

Aufs Kreuz gelegt wird auf der Wiese gerade auch der achtjährige Daniel. Sein Gegner, der etwas kräftigere Michael, befördert ihn bereits nach 15 Sekunden über die Schulter auf den Rücken, was zum sofortigen Ende des Kampfes führt. Wenn es keiner schafft, den anderen innerhalb von fünf Minuten zu besiegen – bei den Erwachsenen sind‘s sechs Minuten – sind beide ausgeschieden.

Der 16-jährige Philipp Holzer aus Matrei vom Großglockner in Osttirol verschwendet daran keinen Gedanken. „Ich möchte in meiner Altersklasse siegen“, sagt er, während er sich am oberen Rand der Naturarena aufwärmt und seinen Vereinskameraden mal über die Schulter wirft oder mit einem geschickten Hebel auf den Boden zwingt. Als wäre es ein Spiel.

Hundstoa-Ranggeln – Drei Alphornbläser mit Instrumenten
Auf dem Hundstein herrscht eine ganz besondere Atmosphäre, dafür sorgen auch die Alphornbläser.

Hundstoa-Ranggeln – Zwei Kinder beim Ranggeln auf der Wiese
Auch die Kinder tragen die „Pfoad“, die Ranggler-Kleidung. Sie ist weiß und aus festem Leinen. Um den Bauch ist ein lederner Gürtel geschnürt.

Hundstao-Ranggeln – Zuschauer sitzen im Gras
Bis zu 3.000 Zuschauer zieht das Hundstoa-Ranggeln jährlich auf den Gipfel.

Später, bei den echten Wettkämpfen, geht es durchaus ernst zur Sache. Da beobachten sich die Gegner, nähern sich vorsichtig und versuchen schließlich, die Schulter des anderen zu packen. Wer es danach schafft, sein Bein so zwischen das des Gegners zu zwängen, dass dieser darüber fällt, hat schon fast gewonnen.

Und Philipp gewinnt eine Runde nach der anderen. Am Ende sind es nur noch zwei Buben, die gegeneinander ranggeln und eine Dame, die auf der Wiese eine Bratwurst isst, sagt: „Der“, sie meint den Philipp, „gewinnt bestimmt, der ist ja Jugendstaatsmeister.“

Schiedsrichter sorgen dafür, dass bei der Rauferei alles ehrlich zugeht.

Derweil achten die Haupt- und Seitenschiedsrichter genau darauf, dass es zu keinen Fehlentscheidungen kommt, weil solche früher oft zu wilden Raufereien unter den Zuschauern geführt haben. Heute geht es ziviler zu. Keine einzige Entscheidung der Unparteiischen wird angezweifelt und am Ende einer Ranggelrunde liegen sich die Gegner meist freundschaftlich in den Armen.

Hundstoa-Ranggeln – Die Naturarena im Freien mit zwei Rangglern, Schiedsrichter und Zuschauer

Auch, wenn es vielleicht auf den ersten Blick nicht so aussieht: Das Hundstoa-Ranggeln ist ein friedliches Kräftemessen mit fairen Regeln.

So auch Philipp und sein Kontrahent, nachdem Philipp tatsächlich in gut 30 Sekunden gewonnen hat, weil sein erster Versuch eines Beinhebels sofort funktionierte.

„Auf dem Hundstein zu kämpfen ist für mich jedes Jahr der Höhepunkt der Saison“, sagt er, „sonst ranggeln wir meistens auf irgendwelchen Fußballfeldern oder auf Matten in Turnhallen, aber hier heroben ist die Atmosphäre einfach einzigartig.“

Beim Kampf um den Hagmoar geht es um alles.

Ob er irgendwann Hagmoar werden will? „Geht leider nicht“ bedauert er, „denn ich bin ja kein Salzburger. Am Kampf um den Hagmoar dürfen nur die Einheimischen teilnehmen.“

Deshalb ist Philipp nur Zuschauer jetzt, kurz nach 13 Uhr am Nachmittag, wenn es um alles geht. Um die Ehre. Um den Stolz. Um den Titel. „Wer einmal Hagmoar geworden ist“, sagt der 83-jährige Mattei aus Zell am See, „der vergisst diesen Moment des Triumphes sein ganzes Leben lang nicht mehr. Dann ist er der Größte, der Held vom Hundstein.“

Hundstoa-Ranggeln – Zwei Männer ranggeln miteinander auf der Wiese

Beim Kampf um den Hagmoar geht es um die Ehre, den Stolz, den Titel: um alles.

Oben im Statzerhaus, gleich neben dem Gipfelkreuz, sitzt unterdessen Günther Heim, der 30 Jahre Obmann der Salzburger Ranggler und sogar mal Hagmoar war. Zwar werde hier am Berg seit über 500 Jahren gekämpft, sagt er, der Sport selber sei aber noch viel älter.

Erste Hinweise auf das Ranggeln finden sich demnach auf einer Schwertscheide aus einem keltischen Grab in Hallstatt. „Daher wissen wir etwa seit dem Jahr 2000, dass das Spektakel nicht aus dem Mittelalter stammt, sondern bereits von den Kelten vor 2500 Jahren in dieser Gegend veranstaltet wurde“, so der Historiker.

Ein kleiner Fehler, ein Stolperer – das reicht schon, um auszuscheiden.

In der Arena walten unterdessen rohe Kräfte, wobei keiner einen Fehler machen will, denn ein unachtsamer Moment reicht, nur eine kleine Bodenunebenheit, über die man stolpert, um beim Ranggeln auszuscheiden. An diesem Sonntag treffen schon in der ersten Runde einige Favoriten aufeinander und scheiden durch Unentschieden aus, unter anderem der Vorjahressieger Hermann Höllwart, was zu kollektivem Groll führt.

Am Ende setzen sich fünf Ranggler durch. Und dann – was für ein Finale! Zwei Vereinskollegen vom Rangglerverein Taxenbach gegeneinander: Der muskulöse, groß gewachsene Christoph Mayer gegen den etwas kleineren, stämmigen Christian Pirchner.

Hundstoa-Ranggeln – Der Sieger Christoph Mayer jubelt

Wer alle seine Gegner besiegt hat, darf sich ein Jahr Hagmoar nennen.

Ein beherzter Kampf, in dem beide viel riskieren, aber keinem der entscheidende Wurf gelingt. Als die Schiedsrichter nach Ablauf der Zeit abpfeifen, steht fest: Christoph Mayer ist der neue Hagmoar, weil er im Laufe des Turniers einen Sieg mehr errungen hat.

„Am Ende braucht man einfach auch ein bisschen ein Glück“, sagt er, die Ehrenfahne in der Hand, „der Christian hätte es auch verdient gehabt, aber vielleicht schafft er es ja im nächsten Jahr.“ Dann, wenn am Hundstoa ein neuer Hagmoar ausgerauft wird.

FRECHE BIOUNTERWÄSCHE - Obacht: Wenn Ihnen die Berge heilig sind, sollten Sie das hier nicht lesen. Denn die die Unterwäsche von Angela Thiel und Renate Wohlfart verursacht freche Hintergedanken.

Text: Peter Hummel • Fotos: Peter von Felbert

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