Pinzgauer Heilwissen

Medizin aus der Heimat

Pinzgauer Heilwissen: Theresia Harrer und Karin Buchart vom TEH Verein in Unken
Traditionell, verwurzelt und wohltuend: Das Pinzgauer Heilwissen hat sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt. Beinahe wäre es verloren gegangen. Jetzt wird es durch den TEH Verein in Unken wieder in die Familien gebracht. Zu Besuch bei Karin Buchart und Theresia Harrer.

 

Riechen, Sehen, Fühlen und Schmecken: Wenn man die Naturwerke des TEH Vereins betritt, werden sofort alle Sinne angesprochen. Der Duft nach üppigen Wiesen, Kräutern und Blumen zieht durch den Laden. Eine Fülle an Salben, Tinkturen, Tees, Räucherwerk, Büchern und Leckereien tummeln sich in den Regalen und auf Holztischen.

Jeder darf in den Büchern schmökern und kann Zirbenkissen, selbstgenähte Wickel und Wärmepolster befühlen. An der „Kostbar“ kann man alles erschmecken oder ausprobieren. Sei es den Pinzgauer Halszucker, den Maiwipfelsirup, das Bauerngartlsalz oder die Lärchpechsalbe.

Der Sitz des TEH Vereins ist im ehemaligen Zollhäusl am Steinpass

Heute sind wir direkt hinter der Deutsch-Österreichischen Grenze in Unken, einer kleinen und beschaulichen Gemeinde im Salzburger Land. Hier ist der Sitz des TEH Vereins (Traditionelle Europäische Heilkunde), dem Obfrau Theresia Harrer und Karin Buchart vorstehen. Untergebracht sind sie mit ihrem Laden und ihrer Akademie im ehemaligen Zollhäusl am Steinpass.

Pinzgauer Heilwissen – die Naturwerke in Unken

Die Naturwerke in Unken sind im ehemaligen Zollhäusl untergebracht – direkt hinter der Deutsch-Österreichischen Grenze.

Angefangen hat alles mit der Doktorarbeit von Karin Buchart vor 12 Jahren, als sie begann, das Heilwissen in der Region Pinzgau mit Interviews zu erheben. Sie befragte damals 35 alte Pinzgauerinnen und Pinzgauer zur regionalen Heilkunde und ihren traditionellen Anwendungen und Rezepten.

„Am ergiebigsten waren die Interviews, bei denen die Leute gesagt haben: Ich weiß eigentlich nichts“, erinnert sich Karin Buchart, „denn da war die Heilkunde noch Alltagswissen, sie wurde jeden Tag angewendet, ohne genauer darüber nachzudenken“.

Traditionell ist eine Anwendung dann, wenn sie über mehr als drei Generationen in der Familie weitergegeben wurde, sich also bewährt hatte. „Die traditionellen Praktiken sind nicht schwierig, sonst hätte man sie ja auch nicht mündlich weitersagen können“, sagt Karin Buchart.

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Eine reiche Sammlung an alten heimischen Heilrezepten war das Ergebnis der Befragung

Die Aussagen der PinzgauerInnen wertete sie dann wissenschaftlich aus und verglich sie mit dem Wissen der Schulmedizin. Am Ende waren es mehr als 50 heimische Pflanzen, Fette und Harze, bei denen sie Übereinstimmungen fand.

„Wenn man bedenkt, dass es viele dieser alten Leute mittlerweile nicht mehr gibt, war es höchste Zeit, diesen Schatz zu erheben“, betont Theresia Harrer. Sonst wäre wohl alles langsam in Vergessenheit geraten. Auch sie erinnert sich, dass in ihrer Kindheit oft Topfenauflagen gemacht wurden – eine traditionelle Anwendung bei Prellungen und Verstauchungen.

Pinzgauer Heilwissen – Naturwerke in Unken
Vom Kräutergenuss für die Küche über die Naturapotheke bis hin zu Handwerk und Büchern: In den TEH Naturwerken gibt es alles, was das Kräuterherz begehrt.
Pinzgauer Heilwissen – Naturwerke in Unken
Für die Herstellung der Produkte arbeitet der TEH Verein ausschließlich mit Partnern aus der Region zusammen. Etwa 100 Lieferanten sorgen für die Produktvielfalt.

Aus dem Projekt der Heilwissenserhebung entstand dann im Jahr 2007 der Verein TEH. „Der Vereinszweck ist, das Heilwissen der PinzgauerInnen mit all seinen regionalen und traditionellen Heilrezepten zu erheben, wissenschaftlich aufzuarbeiten, zeitgemäß wiederzubeleben und zurück in die Familien zu tragen“, erklärt Theresia Harrer.

Aber warum „Europäisch“ und nicht „Pinzgauerisch“? Der Verein möchte zum einen ein Pendant bilden zu großen Strömungen wie der Traditionellen Chinesischen Medizin. „Da braucht es schon die etwas weitere Fassung“, sagt Theresia Harrer. Und zum anderen sind nicht alle Zutaten nur aus dem Pinzgau. „Wenn wir zum Beispiel Salben kochen, brauchen wir Olivenöl“, verrät sie.

Der TEH Verein bietet Seminare, Lehrgänge und vielfältige Produkte an

Sichtbar und erfahrbar gemacht wird das bäuerliche Wissen in Form von Seminaren, Lehrgängen und Produkten. In Gruppen kann man eine Pechsalbe kochen, Kräuterwanderungen machen und Tees aus heimischen Kräutern mischen. In der TEH Akademie können sich Interessierte zum TEH Praktiker ausbilden lassen. Und im Laden, den TEH Naturwerken, werden die selbsthergestellten und regionalen Produkte verkauft.

„Wir möchten eine Plattform für kleine Produzenten und Lieferanten aus der Region sein“, sagt Theresia Harrer, „wer etwas mit Zutaten aus dem Pinzgau herstellt und das verkaufen möchte, kann uns beliefern“. So sorgen etwa 100 verschiedene Lieferanten für die große Produktvielfalt im Laden.

Pinzgauer Heilwissen – Seminarraum

In der TEH Akademie wird das tradtionelle Pinzgauer Heilwissen an Interessierte weitergegeben.

Die Region Pinzgau mit ihren Bergen, Tälern und Wäldern ist ein Paradebeispiel für die alpenländische Lebenswelt und ein perfekter Ort, an dem sich viel Heilwissen erhalten konnte. Oft abgeschieden, mussten sich Menschen über lange Zeit hinweg selbst helfen und eigene Wege zum Überleben suchen. Die wichtigsten Mittel dazu haben sie in ihrer unmittelbaren Umgebung gefunden. „Heimische Pflanzen, mit denen wir aufgewachsen sind, helfen besser als Pflanzen aus fremden Regionen“, erklärt Karin Buchart, „wir sind an sie gewöhnt.“

Hinzu kommt, dass Alpenkräuter besonders kräftig und wirkungsvoll sind. „Pflanzen, die dem Wetter ausgesetzt sind, haben ein Vielfaches an Inhaltsstoffen im Gegensatz zu gezüchteten Kräutern“, sagt Theresia Harrer. Denn viele Pflanzenwirkstoffe werden nur dann gebildet, wenn sich die Pflanze unter schwierigen Bedingungen entwickeln muss, wie zum Beispiel in den Bergen.

Auch die UNESCO erkennt die Besonderheit des Pinzgauer Heilwissen

2010 war dann ein ganz besonderes Jahr für den TEH Verein. Denn das Heilwissen der PinzgauerInnen wurde zum immateriellen UNESCO Weltkulturerbe ernannt. „Diese Anerkennung für das alte Heilkräuterwissen zu bekommen, war etwas ganz Wertvolles für uns“, erinnert sich Theresia Harrer lächelnd, „das hat es bisher noch nicht gegeben“.

Den beiden Kräuterspezialistinnen ist es ein besonderes Anliegen, das überlieferte Pinzgauer Pflanzenwissen mit all seinen Kräutern, Blumen, Harzen und Fetten sowie deren Anwendungen wieder ins Gedächtnis der Menschen zu rufen. Es soll seinen Platz im Alltag finden: so, wie es schon damals war und auch heute wieder sein kann – traditionell, verwurzelt und wohltuend.

HIER ERFAHREN SIE MEHR

Beim TEH Verein können Sie sich über das Pinzgauer Heilwissen, die Akademie und die Naturwerke informieren und im Onlineshop ganz in die Welt der Kräuter eintauchen. Oder Sie schauen mal auf der Facebook-Seite vorbei.

PECHSALBE KOCHEN – Harz, Olivenöl und Bienenwachs: Theresia Harrer vom TEH Verein in Unken zeigt uns, wie man sich seine eigene Pechsalbe kochen kann. So, wie es damals schon die alten Pinzgauer machten.

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