Apfelernte am Bodensee

Knackige Versuchung

Apfelernte am Bodensee – prallgefüllte Apfelkisten
Jeden Herbst verwandeln sich die Ufer des Bodensees in ein Äpfelparadies: Es wird gepflückt, gemostet und verarbeitet, wohin man blickt. Zu Besuch in einem Landstrich im Apfelrausch.

 

Elf Mal schlägt die Frickinger Kirchturmglocke. Satt und klar weht ihr Klang vom Dorf über die Felder herein in die Apfelplantage. Fridolin Grundler horcht und nickt zufrieden. „Guter Wind“, sagt der Obstbauer.

Guter Wind, das bedeutet gutes Wetter. Bald darauf brechen die ersten Sonnenstrahlen durch die kühlen Nebelschwaden, die seit dem Morgen dicht zwischen den Apfelbäumen hingen. Nicht lange, und die Herbstsonne wird sich den Tag zurückerobert haben.

Im Herbst beginnt die Apfelernte am Bodensee.

Jakob, Marius, Biscek, Andrej und Wojtek schlüpfen aus ihren warmen Jacken und blinzeln zuversichtlich in den blau-weißen Oktoberhimmel, der einen schönen warmen Montag verheißt. Seit acht Uhr sind die polnischen Erntehelfer bei der Arbeit, und viele Stunden liegen noch vor ihnen.

Jedes Jahr kommen sie zur Apfelernte am Bodensee, dem zweitgrößten Obstanbaugebiet Deutschlands. Etwa 1600 Bauern bewirtschaften die Obstanlagen auf der deutschen Seite des Sees. Auf dem Großteil der rund 7000 Hektar wachsen Äpfel. 

Apfelernte am Bodensee – ein Apfelbaumzweig mit vielen Äpfeln

Aromatische und knackfrische Äpfel, so weit das Auge reicht: Da will man gleich reinbeißen ...

 
Vom 10. September bis 1. November ist Erntezeit. Dann verwandelt sich die Bodenseeregion in ein Apfelparadies: Äpfel, so weit das Auge reicht.

Üppige Apfelplantagen säumen die Straßen, hinter jeder Kurve taucht ein Traktor auf, vollbeladen mit knackigen Früchten, in den Höfen stapeln sich Apfelkisten, die Restaurants und Wirtshäuser rufen Apfelwochen aus, und kleine Verkaufsstände vor den Häusern bieten alles an, was sich aus dem heimischen Obst machen lässt. Es riecht nach Äpfeln, es schmeckt nach Äpfeln.

Die mobile Saftpresse von Rainer Bauer läuft auf Hochtouren.

Auf dem Parkplatz des Strandbads in Kressbronn steht Rainer Bauer schon seit den frühen Morgenstunden in seiner mobilen „SaftMoschte“, einer Presse auf Rädern. Die Badeanstalt schlummert trist und still ihrem Winterschlaf entgegen, doch vorn auf dem Parkplatz zischt und dampft es aus allen Rohren. Hobbygärtner liefern die Ernte aus ihren Gärten an.

Wie jedes Jahr ist auch Claudis van Rinsum da. „Vier große und zwei kleine Bäume“ hat der Witwer, „zu viel für einen alten Mann“, wie er sagt. Mit dem Apfelkuchen, den er hin und wieder bäckt, bringt er die vielen Äpfel nicht los. Alle einlagern kann er auch nicht, darum lässt er sie in der Presse zu Saft verarbeiten. 105 Liter lädt er in sein Auto.

Apfelernte am Bodensee – Blick in die mobile Saftpresse
Die mobile SaftMoschte läuft schon seit dem Morgen auf Hochtouren.

Apfelernte am Bodensee – Rainer Bauer füllt den Apfelsaft in Beutel ab
Unermüdlich füllt Rainer Bauer den frisch-gepressten Apfelsaft noch heiß in Beutel ab.

Apfelernte am Bodensee – volle Apfelkisten vor der mobilen Saftpresse
Hobbygärtner aus den umliegenden Gemeinden liefern ihre Äpfel in Kisten an.

Nach ihm kommt der Waldkindergarten an die Reihe. Die Kinder durften vor einigen Tagen bei einem Obstbauern Äpfel ernten, nun füttern sie eifrig das röhrende Monstrum und schauen zu, wie der duftende heiße Saft in die hellgrünen Mitnahme-Boxen fließt. Nachdem die erste Begeisterung verflogen ist, packt die bereitstehende Mütter-Hilfstruppe mit an.

Max Hubert Schuh vom Vorstand des Eine-Welt-Ladens wird also noch etwas Geduld brauchen, bis seine Kisten mit Spendenobst dran sind. Aber dann dürfte der Saftverkauf gesichert sein bis zur Ernte im nächsten Jahr.

Bei Obstbauer Grundler werden fast 50.000 Apfelbäume abgeerntet.

In etwas größeren Dimensionen denkt Obstbauer Grundler: Er ist Herr über fast 50.000 Apfelbäume. Während der Erntezeit wird sechs Tage die Woche gepflückt, bei jedem Wetter. Zwei Pflücker links, zwei rechts, dazwischen der Wagen mit den großen grünen Plastikkisten, die sich verblüffend schnell mit dunkelroten Äpfeln füllen.

Vier Pflücker bilden gewöhnlich einen Erntezug; weil die jungen Polen zu fünft sind, arbeiten sie auf einer Seite zu dritt. Reihe für Reihe wird abgeerntet, das sind 300 Bäume links, 300 Bäume rechts pro Reihe. Auf der Fläche von zweieinhalb Hektar – so groß ist diese Plantage – ergibt das um die 9000 Bäume. 

Apfelernte am Bodensee – Apfel der Sorte Jonagold

Jonagold
saftig, süß mit feinsäuerlichem Aroma
guter Tafel-, Back- und Kochapfel
Apfelernte am Bodensee – Äpfel der Sorte Elstar

Elstar
mittelfest, saftig, süßsäuerlich, aromatisch
beliebter Tafel- und Kochapfel
Apfelernte am Bodensee – Apfel der Sorte Kiku

Kiku
sehr fest, dezent süß, säurearm
Tafelapfel

Wobei es sich allerdings höchstens um Bäumchen handelt. Sie haben weder dicke Äste, die stark genug wären für Kinderschaukeln, noch dichte Kronen, die kleinen Apfeldieben ein Versteck bieten.

Stattdessen ragen dünne Stöcke aus der Erde, festgebunden, weil sie sich selbst nicht halten können, die kurzen Zweige reichen gerade mal bis auf eine Höhe von 2,50 Meter. Dort stoßen sie an das riesige Netz, das sie vor dem gefürchteten Hagelschlag schützt, der im Frühjahr innerhalb von Minuten ganze Ernten vernichten kann.

Beim Apfelanbau geht es nicht um dicke Äste, sondern um dicken Ertrag.

Beim Obstbau geht es nicht um Schönheit und Romantik, sondern ums Geschäft. „Der Obstbauer will keine Äste, sondern Äpfel“, stellt Fridolin Grundler nüchtern fest. Die Formel dafür lautet: Je weniger Wachstum, desto größer der Ertrag. Der hängt dick, fest und rotbackig an den Zweigen.

Mit sicherem Blick entscheidet Marius, welche Früchte er pflückt und welche hängen bleiben bis zum zweiten oder dritten Erntedurchgang. So oft werden er und seine Kollegen in den nächsten Wochen immer wieder von Baum zu Baum gehen und Apfel für Apfel pflücken, bis auch der letzte geerntet ist.

Apfelernte am Bodensee – ein Apfel mit Stiel und Blättern
Perfekte Äpfel haben einen Stiel und eine makellose Schale.

Apfelernte am Bodensee – Fünf Erntehelfer pflücken Äpfel in einer Apfelplantage
Zwei Pflücker links, drei rechts, dazwischen der Wagen mit den großen Apfelkisten.

Apfelernte am Bodensee – Zwei Erntehelfer pflücken Äpfel
Die Erntehelfer pflücken die Äpfel flink, aber vorsichtig und legen sie behutsam in die Kisten. 

Apfelernte ist Handarbeit. Die süßen Früchte sind empfindlich, und der Handel will Bilderbuch-Obst. Perfekte Äpfel haben einen Stiel und eine makellose Schale.

Für die Erntehelfer heißt das, flink, aber vorsichtig zu pflücken und die Äpfel behutsam in die Kisten zu legen. Ein Wurf hätte Druckstellen zur Folge, die nicht nur der Ästhetik schaden, sondern den Apfel auch schneller faulen lassen. Ähnlich ist es mit einem fehlenden Stiel: Die kleine Wunde, die er hinterlässt, ist eine potenzielle Fäulnisquelle. Schwer schaut die Arbeit nicht aus, aber man braucht doch Übung.

Perfekt ist ein Apfel mit Stiel und ohne Druckstellen.

Bei meinem Selbstversuch regnet es Blätter, weil sich die Stiele so hartnäckig an die Triebe klammern, und einige Nachbaräpfel purzeln zu Boden. Was Jakob, Marius, Biscek, Andrej und Wojtek spielerisch mit einer Hand machen, will mir auch mit zwei Händen nicht gelingen. Erst nach mehreren belächelten Fehlversuchen ist ein Apfel mit Stiel geschafft. 

Früchte mit kleinen Fehlern wandern sofort in die Mostkiste. Sie werden größtenteils zu Saft verarbeitet oder landen in der Schnapsbrennerei der Grundlers und werden zu hochprozentigem „Paradieswasser“ im familieneigenen Landgasthof Paradies. Hier verwöhnt Tochter Katharina bereits in der fünften Generation die Gäste im Herbst mit Apfelkreationen.

Apfelernte am Bodensee – Apfelscheiben auf einem Holzgitter

Es dauert zwanzig Stunden, bis die Scheiben als knusprige Apfelchips wieder aus dem Trockenofen herauskommen.

Am Hundweilerhof von Familie Braun führt die Apfelspur nicht in die Küche, sondern in die Garage unterm Haus, inmitten einer der Apfelplantagen. Frisch vom Baum werden aus den Äpfeln hier knusprige Apfelchips gemacht, die dann im schmucken Hofladen und über das Internet verkauft werden.

Große Holzgitter voller Apfelscheiben stapeln sich vor dem Trockenofen. Zwanzig Stunden dauert es, bis zwei Zentner Äpfel als leckere und gesunde Knabberei wieder herauskommen. Am besten zum Trocknen eignet sich der Elstar, erklären Heidrun und Thomas Braun, denn bei dieser Sorte „ist das Säure-Zucker-Verhältnis optimal“.

Kanzi und Kiku sind die neusten Mitglieder der Apfelfamilie.

Der Elstar ist ein typischer Bodensee-Apfel, ebenso wie der Jonagold, der auf der Grundler-Plantage geerntet wird. Red Prince heißt diese spezielle Sorte. Fünfzehn Kisten haben die Männer bis zum frühen Nachmittag gefüllt. Der „rote Prinz“ ist ein bodenständiger Allrounder, aber ohne Starqualitäten.

Die modische Apfelszene beherrschen andere: Newcomer wie Kanzi, eine Kreuzung aus Gala und Braeburn, und Kiku, ein Apfel mit japanischen Wurzeln, sind die neuen Sterne am Apfelhimmel. Der Trend, so Bauer Grundler, gehe weg vom Rot, hin zur Zweifarbigkeit. Rot-grün, rot-gelb ist der neue Apfel-Look.

Apfelernte am Bodensee – Braeburn Apfel

Braeburn
sehr fest, saftig mit dezent süßem Aroma
Tafel- und Kochapfel
Apfelernte am Bodensee – Apfel der Sorte Gala

Gala
fest, süß, milder Geschmack, säurearm
besonders beliebt bei Kindern
Apfelernte am Bodensee – Apfel der Sorte Kanzi

Kanzi
sehr fest, saftig, süß-säuerliches Aroma
Tafelapfel

Ob damit das Schicksal des Red Prince besiegelt ist, bleibt abzuwarten. Er wäre nicht das erste Modeopfer. Selbst ein Promi wie der Cox Orange, einst als König der Äpfel geadelt, wurde schon längst von seinem Thron gestoßen. Dass der Cox bei den Grundlers noch wächst, ist reines Hobby. Geld lässt sich mit dem einstigen King nicht mehr verdienen.

Denn „niemand will heute noch in einen sauren Apfel beißen“, sagt Gerhard Thinnes vom Obstgroßmarkt Salemfrucht, und vergleicht die Äpfel mit Würstchen, die „ früher mit Senf gegessen wurden, heute mit Ketchup.“ Und die Ketchup-Generation, so seine Schlussfolgerung, wolle keine sauren Äpfel mehr. Thinnes muss es wissen: 30 bis 40 Lkw-Ladungen Äpfel werden täglich im Großmarkt angeliefert.

Der Großhandel bestimmt, welche Apfelsorten uns schmecken.

Auf Wasserstraßen schwimmen sie durch die Hallen, damit es keine Druckstellen gibt. Die Früchte werden in vier Farb- und sechs Größenstufen sortiert, dann in die handelsüblichen Netze, Beutel, Kartons und Styropor-Schalen verpackt und ins Lager verfrachtet, wo es moderne Technik möglich macht, dass sie auch in einem Jahr noch knackfrisch sind.

Und zwar nicht, indem sie gewachst würden, wie man häufig annimmt: Die fettige Schale, beim Jonagold zum Beispiel, entsteht durch die natürliche Reife, bei der Fette austreten, erklärt Gerhard Thinnes.

Apfelernte am Bodensee – Äpfel in verschiedenen Größen und Farben schwimmen auf Wasserstraßen durch die Hallen

Auf Wasserstraßen schwimmen die Äpfel durch die Hallen. Sie werden in vier Farb- und sechs Größenstufen sortiert.

Aldi, Edeka und Rewe sind die Großabnehmer, und sie bestimmen damit, was uns schmeckt. Die geschmackliche Vielfalt fördert das nicht. Bei den über zwanzig Apfelsorten, die der Großmarkt an die Supermärkte ausliefert, „gibt es geschmacklich nicht mehr viel Unterschied“, findet auch Apfelkenner Thinnes. Immerhin der Rubinette, einem Abkömmling von Golden Delicious und Cox Orange, bescheinigt er noch Geschmacksfülle.

Ob Jakob, Marius, Bisek, Andrej und Wojtek der gleichen Ansicht sind, lässt sich nicht ergründen, zu spärlich sind die Deutschkenntnisse der Erntehelfer. Und mit dem Red Prince vor der Nase und dem Chef an der Seite wäre ihr Urteilsvermögen vielleicht auch etwas eingeschränkt.

Während einer kurzen Verschnaufpause beißt Wojtek herzhaft in den Apfel, den er gerade vom Baum gepflückt hat, und sein Gesichtsausdruck lässt darauf schließen, dass er am Red Prince nichts auszusetzen hat. Dann wendet er sich wieder dem Pflücken zu. Einen Apfel mit der rechten Hand, einen mit der linken und ablegen. So lange, bis die Frickinger Kirchturmglocke endlich den Feierabend verkündet.

Rund um den Bodensee dreht sich von 23. September bis 15. Oktober 2017 alles um aromatische und frisch geerntete Äpfel: Führungen, Verkostungen, Radtouren, Wanderungen und Familienfeste – für Schlemmer und Naturliebhaber ein Genuss.

Hier bekommen Sie einen Überblick über die Apfelwochen, und schauen Sie auch ins Veranstaltungs­programm, es ist für jeden etwas dabei.

TEE VON DER ALM – Tee ist die Leidenschaft von Bernhard Koller und Armin Wagner. Die beiden mischen Bio-Teesorten in ihrer Chiemgauer Teemanufaktur. Für ihre speziellen Alpenkräutermischungen kraxeln sie auch auf die Berge.

Text: Rosina Wälischmiller • Fotos: Katharina Fink

Schreiben Sie eine E-Mail an die Autorin

Lesen Sie auch

Tipps für Passau
Cappuccino mit Schlagobers und die Melange mit Milchschaum – das kann Ihnen nur in Passau passieren. Tipps für das „bayerische Venedig“.
Jetzt lesen →
Biohof Hirschvogel
Mit einem Nebenerwerb haben Katharina und Georg angefangen. Mit viel Mut zum Risiko sind sie erfolgreiche Biobauern geworden.
Jetzt lesen →
Wiesn Tipps
Gebrannte Mandeln, zünftige Blasmusik und a süffige Mass: Am 16. September beginnt wieder das Münchner Oktoberfest.
Jetzt lesen →