Krippenbauer

Betlehem ist im Allgäu

Krippenbauer Bernd Weiß
Bernd Weiß ist Krippenbauer in Sulzberg bei Kempten. Und das ist die Geschichte über einen, für den das ganze Jahr über ein bisschen Weihnachten ist und der sich gut vorstellen kann, dass Jesus in einem Allgäuer Stadel zur Welt gekommen ist.

 

Wenn sich am Öschlesee im Allgäu im Spätherbst die bunten Blätter sanft auf den Wellen wiegen, wenn der Föhn die letzten warmen Lüfte des Jahres über die Alpen trägt und die Berggipfel Richtung Tannheimer Tal schon am Nachmittag in einem famosen Rot erstrahlen, dann, ja dann beginnt Weihnachten.

Jedenfalls für Bernd Weiß, der hier im Sulzberger Ortsteil See in seiner Schreinerwerkstatt steht und darüber nachdenkt, was für eine Krippe er als nächstes baut. Vielleicht eine mit Maueroptik unten und Holzver­täfelung oben, vielleicht eine mit Außentreppe hoch zur Scheune und einem Stapel Brennholz darunter.

Die Krippen wirken so vertraut, weil sie
Bauernhäusern aus dem Alpenland ähneln

„Keine meiner Krippen gleicht der anderen“, sagt der 40-Jährige, „jede ist ein Unikat.“ Wenngleich sie alle so aussehen, als wären sie Abbilder von ganz realen Bauernhäusern irgendwo im Allgäu oder in Oberbayern oder sonst wo im Alpenraum.

Bernd Weiß baut Krippen im ländlichen Stil – und das mit einer Liebe zum Detail, dass man am Ende, wenn dann die Heilige Familie in den Stall einzieht, fast vergisst, wie karg und armselig das weihnachtliche Geschehen damals in Betlehem tatsächlich war.

Krippenbauer setzt Josef in die Szene ein

Manche bringen ihre eigenen Figuren mit, bevor ihnen Bernd Weiß eine Krippe baut – damit die Größe auch zum Stall passt.

 

An diesem Tag baut Bernd Weiß eine mittelgroße Krippe und beginnt dabei zunächst mit dem Unterbau aus Holz. Damit gibt er die grobe Form des Gebäudes vor. Danach wird der Rahmen mit gebrauchten Schindeln abgedeckt, damit das Ensemble am Ende möglichst alt wirkt. Das Altholz sammelt der Krippenbauer während des Jahres überall dort, wo etwas abgebrochen wird.

Eine alte Scheune, ein Dachstuhl oder wenn ein Landwirt verwitterte, morsche Zaunpfähle aussortiert. Daraus wird dann in seiner Werkstatt wieder ein Futtertrog, eine Leiter oder eine Türe in den Stall, in dem später Ochs und Esel stehen.

„Ich liebe diese Tätigkeit.
Und wenn man damit anderen Menschen
eine Freude machen kann,
dann ist das umso erfüllender“

 

Hier und da etwas Wachsöl mit dem Pinsel auf­getragen sorgt dafür, dass das Holz tatsächlich so aussieht, als würde es die Krippe seit Jahr und Tag vor Regen und Schnee schützen. Mit einem feinen Spatel trägt er den Putz auf und bearbeitet diesen im Anschluss ebenfalls so, dass er ein bisschen verwittert aussieht.

Wie Bernd Weiß das genau macht, verrät er nicht, denn seine Kunden sollen ja nicht selber anfangen zu basteln, sondern bei ihm einkaufen. Wobei: Sein allerteuerstes Modell kostet nur 165 Euro, was überaus günstig ist, wenn man bedenkt, dass in dem Stück sicher sechs oder sieben Stunden Arbeit stecken.

„Das Krippenbauen ist mehr oder weniger ein Hobby von mir“, sagt der zweifache Familienvater, der normalerweise als Großhandelskaufmann arbeitet. „Dass daraus ein richtiges Gewerbe wurde, hat sich irgendwann so ergeben.“

REPORTAGE Noch nie stand ein Gipfelkreuz auf dem Tennenmooskopf im Allgäu. Eine Schreinerin aus Bobingen hat es nun gebaut, als Zeichen dafür, dass die Berge eine Heimat sind. Es war das letzte Projekt ihres Berufslebens – am nächsten Tag verkaufte Sie ihre Werkstatt …

 

Irgendwann, das war im Jahr 2000, als eine Kundin zu ihm in die Werkstatt kam, um ein neues Vogelhäuschen zu kaufen, denn damals baute Bernd Weiß noch Vogelhäuschen. Ein Massenprodukt, eines so wie das andere und für ihn, den Freizeitschreiner, ohnehin keine große Herausforderung mehr. „Die Frau sagte mir, dass sie mein Vogelhaus an Weihnachten als Krippe verwende“, erzählt er. „Das fand ich interessant und begann zu überlegen.“

Das Ergebnis dieses Nachdenkens war, dass er damals beschloss, Krippenbauer zu werden, zumal es Vogelhäuschen ohnehin viel billiger im Baumarkt gab. Krippen aber, schöne Krippen im ländlichen Stil, so wie sie in typische Allgäuer Stuben passen, das war für ihn eine neue Herausforderung. Also meldete er ein Gewerbe an, ließ eine grüne Schürze mit „Krippen Bernd Weiß“ besticken und baute drauf los.

Bald wurde die Nachfrage so groß,
dass er sein echtes Haus umbauen musste

Bald war die Nachfrage so groß, dass er einen kleinen Verkaufsraum in seinem Haus in See bei Sulzberg einrichtete, und als auch dieser all die vielen Krippen und Figuren und Lämpchen und Kabel nicht mehr fassen konnte, baute er einen Laden an. Dieser wird heute das ganze Jahr über von Einheimischen und Touristen gleichermaßen besucht, weil sie alle auf der Suche nach einer Krippe sind, die sonst niemand hat.

Weil sie bei all dem Weihnachtskommerz und den Lebkuchen im Sommer und der eintönigen Christkindles-Musik aus dem Radio ein bisschen was von dem retten wollen, was mit echter Weihnachtstra­dition zu tun hat und mit einer Erinnerung an früher.

Manche bringen dabei ihre eigenen Figuren mit, damit auch die Größe zum Stall passt, andere kaufen die Figuren mit der Krippe mit. Diese werden im Grödnertal in Südtirol geschnitzt, weil Bernd Weiß zwar gern schnitzen können würde, es aber nicht kann. „Ich überlege mir schon die ganze Zeit, ob ich nicht mal einen Schnitzkurs mache“, sagt er, „irgendwo in den Bergen und nicht so weit weg und nicht so lang.“

In Betlehem selbst war er noch nie.
Flugangst. Der Himmel soll den Engeln gehören

Nicht so weit weg und nicht so lang ist wichtig für ihn, weil er mit seiner Frau noch nie länger als zwei Tage vom Öschlesee in Sulzberg weg war und eine Flugreise wegen seiner Flugangst sowieso überhaupt nicht in Frage kommt. Schließlich solle doch bitte der Lebensraum über den Wolken den Engeln vorbehalten bleiben.

Deshalb war er auch noch nie in Betlehem, an jenem Ort, an dem sich die Geburt Christi im Stall vor über 2000 Jahren ereignet hat und den er Tag für Tag in seiner kleinen Werkstatt nachbildet. Auf Allgäuerisch zwar und somit ohne jeden orientalischen Einfluss, aber egal.

Bernd Weiß beim Zusammenbau des Krippenhauses
Mit dem Unterbau gibt Bernd Weiß die Form jeder Krippe vor. Egal wie groß: Der ländliche Stil ist wichtig

Bemalen des Holzes mit Wachsöl
Wachsöl lässt Bretter und Schindeln verwittert aussehen – so als würde das Holz die Krippe seit Jahr und Tag gegen Regen und Schnee schützen

Schleifen der Dachschindeln
Sechs bis sieben Stunden Arbeit steckt Bernd Weiß in jede Krippe, und für seine Kunden ist er sogar an Heiligabend noch da

Aber so genau hat es der Heilige Franz von Assisi sicher auch nicht genommen, als er im Jahr 1223 im Wald die erste Weihnachtskrippe in der uns bekannten Form bauen ließ. Damals zog der selbstlose Mönch mit Erlaubnis des Papstes Honorius III. aus dem Kloster von Greccio aus und errichtete in einer Waldhöhle eine Futterkrippe mit einem lebendigen Ochsen und einem Esel, allerdings ohne Maria, Josef und das Jesuskind.

Hier hielt er vor einer großen Menschenmenge seine berühmte Weihnachtspredigt und brachte somit den Leuten, die nicht lesen und schreiben konnten, das Geheimnis von der Geburt Christi näher.

Perfekt muss es sein, und
das heißt: nicht zu geradlinig

Bernd Weiß in seiner Schreinerei ist unterdessen damit beschäftigt, eine fertige Krippe auf ein Unterbrett zu schrauben und das Gras mit Moos zu simu­lieren. Am Ende setzt er hier und da noch ein Zaun­element und einen Baum ein – aber nicht zu perfekt und zu geradlinig, sonst sieht es nicht echt genug aus –, ehe er zufrieden auf sein Werk blickt und sagt: „Geschafft, jetzt kann Weihnachten kommen.“

PFERDEWALLFAHRT: Immer am 6. November findet die berühmte Leonhardifahrt Bad Tölz statt. Mittendrin sind der Pfisterfranzl und seine Frau Maria. Für die beiden Bauern ist der Tag eine Herzensangelegenheit, für den sie keine Mühe und kein Wetter scheuen.

Wobei es bis dahin noch viel zu tun gibt, denn die Nachfrage nach seinen Krippen steigt rapide. Eine Krippe gehöre einfach zu Weihnachten dazu, ist er überzeugt, genauso wie ein Christbaum und ein paar Plätzchen. Und tatsächlich steht man vor seinen Kunstwerken und ist irgendwie verzaubert.

Von der Muttergottes, die so gütig blickt, vom Josef, der ein Schaf mit seinem Mantel wärmt, dem Hirten, der am Lagerfeuer liegt und dessen Blick sich irgendwo am Sternenhimmel verliert. Eine Krippe ist etwas Lebendiges, eine vertraute und zugleich historische Szenerie, die durch keine App ersetzt werden kann.

„Der Umgang mit Holz ist für mich
das Schönste überhaupt“, sagt der Krippenbauer

Es ist Abend geworden, und in der Kapelle von See läutet die Glocke. Für Bernd Weiß ist das seit jeher das Signal, seine Arbeit zu beenden, auch wenn es ihm schwerfällt. „Ich liebe diese Tätigkeit“, sagt er, „der Umgang mit Holz ist für mich das Schönste überhaupt. Und wenn man damit anderen Menschen eine Freude machen kann, dann ist das umso erfüllender.“ Deshalb hat Bernd Weiß seinen Laden in den Wochen vor Weihnachten täglich geöffnet und sogar an Heiligabend am Vormittag.

„Da kaufen die Leute keine Krippe mehr“, sagt der Handwerker, „sondern da fällt ihnen beim Aufstellen ihrer Krippe auf, dass die Lämpchen im Stall und im Lagerfeuer nicht funktionieren. Dann kommen sie zu mir, und ich rette ihrer Familie Weihnachten.“

Text: Peter Hummel • Fotos: Heinz Heiss

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Krippenbauer Bernd Weiß schindelt das Dach einer Scheune

Die größte Krippe der Welt steht in Schneiderwald in Nordrhein-Westfalen. Sie wurde von Paul Sondermann erbaut und ist rund 25.000 Quadratmeter groß.

Die kleinste Krippe der Welt ist nur etwa so groß wie ein Ein-Cent-Stück. Die Körper der Figuren sind aus Hafer­körnern geschnitzt, die Köpfe  aus Senfkörnern, das Haus aus einer Buchecker.

Eine der ältesten Krippen steht in Rom in der Kirche Santa Maria Maggiore. Sie wurde von Arnoldo di Cambio aus Alabaster gebaut und 1291 gestiftet. Die Krippe hat die Form eines kleinen Hauses, in dem die Anbetung der Könige dargestellt wird.

Die ersten Krippen in Europa wurden  im Mittelalter von den Jesuiten gebaut, die darin einen Andachts­gegenstand und ein Mittel zur religiösen Unterweisung sahen. Hochburgen des Krippenbaus waren damals Italien, Spanien, Portugal, Südfrankreich, Polen, Tschechien, die Slowakei, Österreich und Süddeutschland.


LEBENDE KRIPPEN IM ALPENLAND

Lebende Krippe – Maria, Josef und das Jesuskind